«Esten knacken»: Letzter Auftrag für «urlaubsreife» Spieler

«Esten knacken»: Letzter Auftrag für «urlaubsreife» Spieler
Bildhinweis: Assistenztrainer Marcus Sorg plant das Spiel ohne große Rotation. Foto: Marius Becker

Mainz (dpa) – Die Nationalspieler fühlen sich «sehr urlaubsreif», aber ein 90-Minuten-Job steht noch an. Die «Notfall-Variante» für das zweite EM-Qualifikationsspiel ohne Joachim Löw dürfte dabei auch am Dienstag (20.45 Uhr/RTL) gegen Estland nicht zum Einsatz kommen.

Schon beim ungefährdeten 2:0 (1:0) in Weißrussland musste der Bundestrainer nicht aus der heimatlichen Reha als Super-Visor vorm TV-Gerät eingreifen. Marcus Sorg erledigt den Job als Aushilfs-Chef so gut, dass ihm sein Chef anschließend entspannt gratulieren konnte. «Er war mit dem Auftritt sehr zufrieden», berichtete Sorg am Pfingstmontag im direkt am Rhein gelegenen Teamhotel in Mainz.

Der Zwei-Spiele-Chef will Löws Sechs-Punkte-Auftrag «mit aller Macht» zur Erfüllung bringen. «Das Allerwichtigste ist der Sieg», betonte Sorg darum am Pfingstmontag. Dem 53-Jährigen missfällt, dass im Vorfeld nur über die Höhe des Erfolges gegen den punktlosen Gegner geredet wird. «Wir tun gut daran, erst über den Sieg nachzudenken und dann über das Ergebnis. Man muss die Esten erstmal knacken», mahnte Sorg. Eine große Rotation wird es nicht geben, sondern bis auf ein, zwei Veränderungen die Siegerelf von Weißrussland auflaufen.

«Wir brauchen Stabilität in den Abläufen», begründete Sorg den Umbau light. Darum werde auch Manuel Neuer als «ein Faktor der Stabilität» natürlich wieder im Tor stehen und das Team als Kapitän anführen.

Bevor Sorg die Spieler in den Urlaub entlässt, sollen Leroy Sané, Serge Gnabry und Co. auch den letzten Arbeitseinsatz in der höchst wechselhaften Umbruch-Saison nach dem WM-Desaster 2018 erfolgreich erfüllen. «Die Entwicklung ist sehr positiv», sagte Gnabry. Der 23 Jahre alte Bayern-Profi sprach in Mainz ganz freimütig von einem Stimmungswandel: «Wir haben in der Mannschaft sehr viel Spaß. Es fühlt sich an, als wäre es eine U21 hier.» Gnabry gab auch zu, «sehr urlaubsreif» zu sein: «Die Saison war sehr anstrengend.»

Gegen den Weltranglisten-96. Estland ist der dritte Sieg im dritten Spiel der EM-Ausscheidung fix eingeplant. Die Fans in der mit 26.050 Zuschauern ausverkauften Opel-Arena sollen Spaß haben und möglichst auch mehr Tore bejubeln können als beim Erfolg in Weißrussland. «Ich hoffe, dass wir spielerisch noch eine Schippe drauflegen können. Wir wollen noch mehr Torchancen kreieren», sagte Marco Reus, neben dem neuen Erfolgsgaranten Leroy Sané Torschütze in Borissow. Sorg erwartet einen «massiv» verteidigenden Gegner. «Es ist nicht immer leicht, diese Mauer zu durchbrechen», bemerkte Gnabry.

DFB-Direktor Oliver Bierhoff sieht die frische Boy Group um die Senioren Neuer (33) und Reus (30) als letzte Ü30-Kräfte auf dem richtigen Weg: «Man merkt, hier wächst was zusammen!»

Bierhoff gewährte in Weißrussland Einblicke zu Löw, mit dem er Kontakt hielt: «Da kaum auch raus, wie schwer es ihm fiel, das erste Mal nicht dabei zu sein.» Löw beschränkte sich ganz auf die Rolle des stillen Spielbeobachters. Bierhoffs Handy klingelte nicht, auch nicht in der Halbzeitpause. «Das hätte mich auch überrascht, wenn er hätte eingreifen wollen», sagte Bierhoff, der verriet: «Natürlich gab es diese Notfall-Variante. Aber die war nicht notwendig.»

Vertreter Sorg hat alles im Griff. Der 53-Jährige war in Borissow mit dem «Gesamtpaket» zufrieden. Priorität haben aktuell die Ergebnisse. «Siege sind für eine Mannschaft, die wie unsere in der Entwicklung steht, ungemein wichtig», hob Sorg hervor. Darum wurde auch an der neuen 3-4-3-Ausrichtung festgehalten. «Wir wollten der Mannschaft im System einen Halt geben und es nicht schon wieder ändern», erläuterte Sorg. Mit dem noch zarten Aufschwung wird behutsam umgegangen. «Natürlich muss sich das Ganze noch einspielen», sagte Bierhoff.

Ein neues Gerüst nimmt Formen an. Im Tor ist Neuer weiter die Nummer eins. Der Libero-Ausflug des Kapitäns mit einem Ball-Tänzchen an der Eckfahne war der spektakulärste Moment in Weißrussland. Niklas Süle etabliert sich als zentrales Glied der Abwehr-Dreierkette. «Er ist prädestiniert für diese Position», sagte Sorg über den 23-Jährigen: «Niklas hat die Möglichkeit, ein Anker zu werden.» Bayern-Kollege Joshua Kimmich ist im defensiven Mittelfeld ein neuer Fixpunkt.

Am deutlichsten erkennbar wird die neue Zeitrechnung in der Offensive. Der im WM-Trainingslager 2018 aussortierte Sané ist plötzlich der Erfolgsgarant. Vier Tore erzielte der 23-Jährige von Manchester City in den letzten fünf Länderspielen. «Im Spiel hat er immer wieder aufblitzen lassen, was in ihm steckt», lobte Sorg den vom FC Bayern umworbenen Angreifer. Sorg hat nicht den Eindruck, dass Sané der öffentliche Rummel um seine sportliche Zukunft «belastet».

Gnabry hat sich vorne ebenfalls festgespielt. Dazu kommt der 30-jährige Reus, dem Sorg eine «fantastische Verfassung» bescheinigt. Wo Gewinner sind, gibt es auch Verlierer: Der Leipziger Timo Werner erlebt gerade seine erste schwierigere DFB-Phase. Auch Julian Brandt oder Julian Draxler haben es schwer im offensiven Konkurrenzkampf. Sorg beschwichtigte, als er auf den nicht einmal eingewechselten Werner angesprochen wurde: «Timo bleibt ein fester Bestandteil.»

Egal, wer gegen Estland auflaufen darf, der positive Trend soll weitergehen. «Wir gehen als klarer Favorit in das Spiel rein», sagte Gnabry. Als klarer Sieger soll es danach ab in den Urlaub gehen.

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