Aachen feiert «Wunder» am Tivoli – Gladbach empört

Aachen feiert «Wunder» am Tivoli – Gladbach empört
Aachen feiert «Wunder» am Tivoli - Gladbach empört
Erik Meijer, Willi Landgraf und Eric van der Luer (v.l.) jubeln.

Aachen (dpa) – Alemannia Aachen feiert mit dem Triumphzug im DFB-Pokal eine märchenhafte Wiederauferstehung im deutschen Profi- Fußball.

«Was hier passiert, ist ein Wunder. Und dies ist das i- Tüpfelchen», freute sich Alemannia-Trainer Jörg Berger nach dem 1:0 des Zweitligaclubs gegen Borussia Mönchengladbach über den dritten Einzug ins Pokal-Finale nach 1953 und 1965. Während sich die vor zweieinhalb Jahren nach Skandalen und Millionen-Schulden vor dem Bankrott stehenden Aachener sportlich und finanziell saniert haben, herrscht im nur 50 Kilometer entfernten Mönchengladbach nun Untergangsstimmung – und Empörung über Art und Weise des Pokal-K.o.

«Das ist Volleyball, was da gespielt wurde», schimpfte Gladbachs Sportdirektor Christian Hochstätter über Schiedsrichter Edgar Steinborn, der zwei Handspiele der Alemannia ungeahndet ließ. In der 83. Minute war Erik Meijer («Da haben wir Schwein gehabt») der Ball an den Unterarm gesprungen, vier Minuten später hatte George Mbwando den Ball vor dem zum Einköpfen bereiten Arie van Lent weggefaustet. «21 000 Menschen haben es gesehen. Es ist ein Unding, dass so etwas in einem Halbfinale passiert und wir rausfliegen», wetterte Hochstätter.

Borussia-Trainer Holger Fach lamentierte weniger über den kapitalen Fehler des Referees als über die drohenden Folgen für den Bundesliga-Abstiegskampf. «Einen Schub gibt dies nicht gerade», stellte er frustriert fest. «Jetzt müssen alle die Augen bei uns öffnen und hundertprozentigen Einsatz zeigen. Sonst sieht es schlecht aus, die Liga zu halten.» Ob dies alle beim Tabellen-15. begriffen haben, bezweifelt er: «Nun muss sich zeigen, wer Kerl genug ist. Man hat den Eindruck, dass nicht so viele Kerle in der Mannschaft sind.»

Sein einstiger Lehrmeister Jörg Berger hat dagegen eher Luxus-Probleme zu bewältigen. Gilt es doch, die Euphorie über das Erreichen des Pokal-Finals am 29. Mai in Berlin gegen Werder Bremen einzudämmen. Schließlich ist der Aufstieg in die Bundesliga das vorrangige Ziel des Tabellen-Vierten. «Heute feiern, morgen arbeiten», lautete deshalb seine Parole. Zurecht. Denn nach dem Viertelfinal-Coup gegen Bayern München verlor Alemannia prompt bei Mainz 05 (2:3). «Ich tue alles, um unser wahres Finale zu erreichen. Wenn wir am letzten Spieltag gegen Karlsruhe ein Endspiel um den Aufstieg haben, ist mir das mehr wert als Berlin», so Berger.

«Für uns ist ein Traum in Erfüllung gegangen, doch für uns zählt nur der Aufstieg. Wir wollen unbedingt nach oben», sagte auch Ivica Grlic, der mit seinem Tor (42.) zum Pokal-Helden avancierte. Allerdings wird es nicht einfach, sich wieder ganz auf den Zweitliga-Alltag einzustellen, dürfte doch auch die Aussicht auf die Teilnahme am UEFA-Cup in den Köpfen der Spieler herumgeistern. Sie ist garantiert, wenn Bremen einen Champions-League-Platz erreicht.

Die sportlichen Perspektiven und der großartige Pokal-Lauf sind für den vor knapp drei Jahren noch vor dem Zusammenbruch stehenden deutschen Vizemeister von 1969 ein ökonomischer Befreiungsschlag. Betrügereien, Haftbefehle, Razzien auf der Geschäftsstelle, abgetretene Präsidien und Millionen-Schulden hätten den Traditionsclub fast ruiniert. «Vor anderthalb Jahren hatte ich überlegt, ob ich weiter machen soll», bekannte Berger.

Mit viel Improvisation und Überredungskunst wurde am Tivoli dennoch ein neues Team akquiriert. «Bisher haben wir nur Altlasten abgetragen und Spieler durch die Hintertür nach Aachen gelockt. Jetzt haben wir gute Chancen, auch an die Mannschaft zu denken», sagt Berger. Auch Kapitän Karlheinz Pflipsen hofft auf bessere Zeiten: «Wir sind nicht auf Rosen gebettet, vielleicht haben wir nun eine rosige Zukunft vor uns.»